Unterwegs auf dem Pfad der Erleuchtung

Der Blick nach vorn ist immer auch digitaler Natur: Apps und Social Intranets gehören heute zum Standard-Repertoire zukunftsgewandter Organisationen – doch die digitale Transformation bringt laufend neue Technologien mit sich. Warum wir alle bald eine Augmented-Reality-Brille auf der Nase haben werden, wie das unsere Kommunikation verändert und warum sich Unternehmen jetzt Richtung Plateau der Produktivität aufmachen sollten, verrät Michael de Gelmini, Kreativdirektor bei CB.e und Vorstandsmitglied im Virtual Reality e. V. Berlin-Brandenburg, im Experteninterview.

 

MPC: Herr de Gelmini, Apps waren gestern, heute sind Virtual Reality (VR)¹ und Augmented Reality (AR)² im Rennen um das nächste große digitale Ding. An welcher dieser Technologien kommen wir in Unternehmen künftig nicht mehr vorbei?

Michael de Gelmini: Im Bereich dieser immersiven Technologien³ entwickelt sich Augmented Reality derzeit am rasantesten und ist daher auch für die Interne Kommunikation viel interessanter als beispielweise Virtual Reality. Zumal Apple jüngst eine AR-Brille angekündigt hat – das wird in Verbindung mit dem Smartphone eine völlig neue Art der Kommunikation ermöglichen. AR hat aktuell Wachstumsraten von jährlich 50 Prozent und damit definitiv das Zeug zum massentauglichen Medium! Das Equipment für Virtual Reality hingegen ist derzeit noch zu teuer – und die Verbreitung daher deutlich geringer.

MPC: Wie darf man sich diese AR-Brille vorstellen?

MdG:  In der Augmented Reality werden zu unserer analogen Lebenswelt ja digitale Informationen, Bilder oder Avatare addiert. Sprich: Man schaut durch die Brille und sieht – gespeist durch beispielsweise das Smartphone – die reale Umgebung ergänzt um virtuelle Elemente. Daraus ergibt sich ein immenser Mehrwert, an den wir uns schnell gewöhnen werden.

MPC: Wo könnte sich dieser Nutzen in der Internen Kommunikation niederschlagen?

MdG: Im Alltagsgeschäft fehlt uns oft die Zeit für ausführliche Kommunikation. Es wäre denkbar, via Brille kenntlich zu machen, welcher Mitarbeiter gerade mit welchem Projekt befasst ist. Dann bewegt man sich durchs Unternehmen und sieht im Display, welche Kollegen gerade eine fachliche Relevanz für einen haben – und vernetzt sich. Wir können mit der AR-Brille ein wandelnder Info-Kiosk sein, es ergeben sich ganz neue Dialog-Optionen. Und es gibt keine vordefinierte Maßnahmen-Liste, es ist noch eine spielerische und unternehmensindividuelle Art und Weise, diese Technologie einzusetzen. Frei nach dem Motto: Was wollten wir schon immer und konnten wir noch nie?

MPC: Was sollten Unternehmen tun, wenn sie AR implementieren wollen?

MdG: Es ist mit der digitalen Transformation vergleichbar. Unternehmen müssen zuallererst begreifen, was ihnen diese Technologie nutzen kann. Und sie müssen eine interne Infrastruktur dafür schaffen, damit alle relevanten Abteilungen – Strategie, IT, Kommunikation, Datenschutz – darin involviert sind. Am besten wird es ganz klassisch Top-down angesetzt: Der CEO muss es verstehen, sich dafür begeistern und es auf den Weg bringen. Im Idealfall wird er durch eine Art Technologie-Champion unterstützt werden, der die interne Struktur dafür vorbereitet. Der Einsatz der Technik passiert daher nie von heute auf morgen, und viele Unternehmen schrecken davor zurück, wenn sie merken, wie tief sie für einen solchen Prozess in die Strukturen eintauchen müssen. Daran scheitern viele AR-Projekte bislang.

MPC: Was können weitere Stolpersteine sein?

MdG: Noch fehlt eine Messbarkeit. Natürlich wollen Unternehmen wissen: Sind wir durch AR im Bereich xy produktiver, sind wir effizienter? So eine Messbarkeit ist derzeit noch nicht gegeben, weil AR zumeist noch in der Prototyping-Phase ist.

MPC: Wie viel Zeit sollte man einem solchen AR-Prozess geben?

MdG: Wir sprechen von einem Zeitraum von zwei bis drei Jahren. Daher ist es kein Prozess, den man noch lange abwartet! Man sollte sich jetzt auf den Weg machen, wenn man das Plateau der Produktivität erreichen will.

MPC: Was hat es damit auf sich?

MdG: Es gibt vier Phasen, die den gesamten Reifungsprozess der Technologie veranschaulichen: Am Anfang ist der Hype, der „Gipfel der überzogenen Erwartungen“. Dann folgt der Einbruch, weil die Technik noch nicht vollkommen, der Einsatz nicht sinnvoll ist – das „Tal der Enttäuschung“. Nach einer gewissen Regenerationszeit begibt man sich auf den „Pfad der Erleuchtung“ und schließlich gelangt man zu ebenjenem „Plateau der Produktivität“. Zwischen den letzten beiden Phasen befinden wir uns – die Zeit ist reif, die Technik ausgefeilt genug. Wenn Unternehmen eine Vorreiterrolle einnehmen wollen, dann ist jetzt die Chance, diese Position einzunehmen. Denn das ist die Zukunft.

MPC: Der Umgang mit der neuen Technologie ist sicher auch eine Frage der Strategie?

MdG: Absolut! Unternehmen müssen klären, ob sie sich am Markt mit diesen Technologien etablieren wollen, um als Innovationstreiber zu gelten.  Oder sie sind eher geprägt von Me-too, lassen die anderen erst mal machen – auch Anfänger-Fehler. Frei nach dem Motto: Die erste Maus geht in die Falle, die zweite holt sich den Käse.

MPC: Wie hoch ist die Hemmschwelle der Unternehmen in Bezug auf immersive Technologien?

MdG: Das ist tatsächlich das größte Problem. Es gibt dazu eine Studie, die als ersten Hinderungsgrund den hohen Erklärungsbedarf identifiziert. Die Leute verstehen den Sinn der Technologie nicht. Es ist immer wieder überraschend, wie wenig Menschen in Unternehmen damit bislang überhaupt in Berührung gekommen sind: mal eine Brille auf der Nase hatten – von AR-Apps ganz zu schweigen. Hinzu kommen die Kosten als zweiter Hinderungsgrund. Es gibt in diesem Bereich bislang wenig Technologien, die aus der Schublade gezogen werden können.

MPC: Kommunikatoren leisten an dieser Stelle in gewisser Hinsicht Pionierarbeit?

MdG: Ja, denn die Faszination für AR und Co. war schneller als das Verständnis und der Sinn. Die Leute wollten es erleben, sie haben es nicht gemacht, weil sie einen Nutzen darin erkannt haben. Wir müssen die Menschen jetzt bei der Logik einfangen – da befinden wir uns gerade auf dem „Pfad der Erleuchtung“. Wir Kommunikatoren müssen die Unternehmen mitnehmen, ihnen erklären, was es heißt, AR einzusetzen, und begreiflich machen, dass AR ein wichtiger Zukunftsmarkt ist.

MPC: Könnte ein Argument sein, dass immersive Technologien durch ihre Sinnesberührungen die digitale Kommunikation wieder menschlicher machen?

MdG: Nein, die menschliche Kommunikation ist durch nichts zu ersetzen. Es stehen vielmehr starke Nutzenaspekte und Effizienzgedanken im Vordergrund. Wir werden uns schnell daran gewöhnen, dass AR unglaublich praktisch ist. Man muss beispielsweise in bestimmten Situationen nicht mehr reisen, kann weltweit von einem Spot zum nächsten virtuell hin und her springen. Am Ende hat man über die immersiven Technologien zwölf Orte an einem Tag besucht und war dort mit Menschen im Dialog. Das schafft Nähe, aber keine wirkliche Menschlichkeit.

MPC: Wo in der Kommunikation ist der Einsatz von AR noch sinnvoll?

MdG: Wir können Visionen ganz anders verkörpern, sie für Mitarbeiter erlebbar machen. Statt sich auf ein Podium zu stellen und drüber zu reden, kann ein CEO einfach die Brillen verteilen und sagen: Ich zeig euch mal, wie sich das anfühlt. In diesem Story-World-Building kann man ganz neue Welten immersiv öffnen. Es geht in der Tat darum, Dinge, die nicht sichtbar sind, freizulegen. Solch ein Erlebnis ist eine viel intensivere Form der Wahrnehmung. Und bringt eine höhere Überzeugungskraft mit sich.

MPC: Steckt darin nicht auch eine gewisse Gefahr, Stichwort Gehirnwäsche?

MdG: Keine Frage: Die menschlichen Sinnesorgane lassen sich unglaublich leicht täuschen. Das gilt insbesondere für VR, wo man von der realen Welt wirklich abgekapselt ist. Man denkt, man nimmt das alles wirklich wahr. Das ist faszinierend und beängstigend zugleich. Eine gesunde Skepsis ist daher immer angebracht bei Technologien, die sehr vereinnahmend sind.

MPC: Auch das spricht offenbar eher für AR als für VR.

MdG: Wir müssen einen gewissen Bezug zur Realität behalten, ja. Das ist der große Vorteil von AR, man kann sich frei bewegen und die Virtualität schaltet sich partiell dazu. AR ist eine smartere Technologie als VR. Als Mischform ist sie intuitiver, einsatzstärker. Und sie ängstigt die Menschen weniger, weil man die Kontrolle nicht gänzlich abgibt.

MPC: Wie viel analoges Gegengewicht brauchen immersive Technologien wie AR?

MdG: Das wird ein Prozess sein. Momentan werden einfach Dinge hinzugefügt, sie überblenden und verändern die Realität. Aber es wird laufend mehr Mischformen geben, in denen die virtuellen Elemente größeren Mehrwert erzeugen, mehr Informationen bereithalten, mehr Überzeugungskraft haben.

MPC: Ist man dem ausgeliefert?

MdG: Nein. Es wird Regler geben, mit denen man einstellen kann, wie viel Veränderung man zulassen möchte. Zukünftige Generation werden damit bereits viel selbstverständlicher umgehen, weil sie einen natürlichen und spielerischen Umgang damit gelernt haben.

MPC: Gibt es denn einen sichtbaren Generationenkonflikt?

MdG: Ja, die Ängste der älteren Generationen sind viel größer. Bei ihnen spielt der Sicherheitsaspekt eine enorme Rolle. Jüngere Generationen profitieren von der Neugier und vielleicht auch der Unvernunft, etwas erleben zu wollen. Das gestaltet den Umgang mit neuen Technologien viel offener. Daher sollten sich Unternehmen auch wirklich jetzt auf den Weg machen: die nachwachsenden Generationen werden AR als selbstverständlich nehmen.

 

¹Virtual Reality (VR)

In der Virtual Reality verschwindet die reale Welt komplett, es entsteht eine ganz eigene, virtuelle Welt. Die Realität ist für den Rezipienten während der VR-Anwendung „ausgeblendet“ – dafür erlebt er als Protagonist in der virtuellen 360-Grad-Welt eine als real empfundene Handlung, die er mit allen Sinnen erleben und selbst steuern kann. Hilfsmittel für das sinnliche Erleben sind u. a. Virtual-Reality-Headsets und verschiedene Technologien zur sensorischen Rückmeldung wie z. B. Datenhandschuhe, Textilien mit Sensoren etc.

²Augmented Reality (AR)

Augmented Reality ist eine Art erweiterte Realität und beschreibt die Ergänzung der bestehenden Welt durch computergenerierte Zusatzobjekte wie virtuelle Einblendungen oder Gegenstände. Der Rezipient ist während der Anwendung nicht eingeschränkt, kann sich frei bewegen. Auch wenn die AR-Erweiterung alle menschlichen Sinne ansprechen kann, steht bei Augmented Reality die Darstellung zusätzlicher Informationen im Vordergrund.

³Immersive Technologien 

Virtual Reality und Augmented Reality zählen zu den immersiven Technologien. Immersion bezeichnet das Eintauchen in eine künstliche, virtuell erzeugte Welt. Je höher der Grad der Immersion, desto mehr verliert der Nutzer das Bewusstsein, sich in einer künstlichen Welt zu befinden. Er lässt sich mit all seinen Sinnen auf das Erlebnis ein und kann mit der virtuellen Realität interagieren. Darin unterscheiden sich auch AR und VR (s. unten).

0 Antworten

Hinterlassen Sie einen Kommentar

Wollen Sie an der Diskussion teilnehmen?
Feel free to contribute!

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahren Sie mehr darüber, wie Ihre Kommentardaten verarbeitet werden .