Aug 15, 2017 / von A.Montua in Allgemein, IK, Wirtschaft / Kommentieren

Grüße aus dem Glashaus: Von Doppelmoral und Entrüstungs-Ritualen

Diesel-Gate, Dezibel-Diskussion, Kartellverdacht: Die Skandale der Automobilbranche lassen aktuell die Medienwellen hochschlagen. Und wie üblich widmet sich fast jedes Entrüstungsritual dem Vordergründigen: Unternehmen, die tricksen, lügen, schummeln und betrügen. Was leider, leider kaum überrascht. Denn um maximales wirtschaftliches Wachstum zu erreichen, wurden und werden Belange der Ethik und Moral des Öfteren in die hinteren Reihen versetzt. An diese Haltung scheint sich die Öffentlichkeit schon fast gewöhnt zu haben.

Wirklich?

Wer ist denn diese Öffentlichkeit? Sind es nur betroffene oder zukünftige Autokunden oder Leser von Nachrichtenmagazinen, denen man ein X fürs U vorzumachen versucht? Wohl kaum. Es sind zum einen Wähler, die sich Gedanken darüber machen, welche Volksvertreter sich für sie und ihre statt für die Interessen und Belange der Industrie einsetzen werden. Es sind zum anderen aber vor allem dieselben Menschen, die der Wirtschaft als integre Arbeitskräfte gewogen sein sollen.

Werte, Leitbilder, Visionen von Unternehmen scheinen also im skandalerschütterten Gesamtbild „Deutsche Wirtschaft“ dringlicher ins Bild zu rücken. Auch und gerade die auf den Arbeitsmarkt starken respektive drängenden Generationen X und Y haben angeblich ein großes Interesse an Authentizität, Offenheit und Transparenz. Alles möge bitte ehrlich und nachhaltig und sinnstiftend sein, ist zum Wertekanon der jüngsten Generationen in Bezug auf ihre Arbeitgeber nachzulesen (den Link zu einem beispielhaften Artikel von www.unternehmer.de finden Sie am Ende dieses Beitrags).

Wie aber kann es dann zu solchen massiven Vertuschungen und Lügengeflechten kommen, in die Unternehmen immer wieder verstrickt sind? Natürlich und zu Recht springen alle auf den Verurteilungs-Zug, voller Empörung über die Verfehlungen im Management. Aber Empörung über andere ist eben eine ziemlich leichte Übung. „Die da oben“ bieten jederzeit ein gutes Ziel, um eigenem Ärger Luft zu machen – oder um durch Schuldzuweisungen von eigenen Verfehlungen abzulenken.

Dabei kann so eine Skandalkaskade, auf die Metaebene der Reflektion gehoben, einen möglicherweise heilsamen Prozess auslösen. Indem sich nämlich jeder einzelne der klassischen Glashaus-Frage stellt:

Habe ich selbst eine so reine Weste, dass ich guten Gewissens auf andere zeigen darf? 

Die Fragestellung, mit der jeder bei sich selbst anfangen kann, dem Pflänzchen „Lüge“ so früh das nährende Wasser abzugraben, dass es sich nicht zum „Betrug“ auswächst, lautet: Wie verhalte ich mich persönlich, privat und meinem Arbeitgeber gegenüber? Bin ich immer ehrlich? Lasse ich mich auf Schummeleien ein, vielleicht auch wider besseres Wissen und Gewissen?

Studien zufolge lügt jeder Mensch mehrmals täglich, privat und beruflich, aus sehr unterschiedlichen Gründen. Um anderen nicht weh zu tun oder sie zu schützen, zum Beispiel (2. Link am Ende des Artikels). Aber eben auch, um selbst besser dazustehen oder sich einen Vorteil zu verschaffen. Allenthalben wird teilweise schamlos getrickst, geschummelt, getäuscht, ob geschönter Lebenslauf oder Schokoladenseite-Selbstdarstellung in den Sozialen Medien.

Die berühmte makellos weiße Weste trägt nur eine Minderheit. Hand aufs Herz: Wann haben Sie das letzte Mal Kopierpapier, einen Stift, Post-Ist aus dem Büro mitgehen lassen? Haben gar Prozesse geschönt, damit das Ergebnis am Ende stimmt? Wo, an welcher Stelle der „Basis“ also beginnt das System Unehrlichkeit? Und wie verstärkt es sich, bis am Ende eine waschechte Korruptionsaffäre daraus wird?

Die Interne Kommunikation als Initialzünder kontroverser Diskussionen

An eben dieser Stelle gehört der IK das Mandat übertragen. Sie muss unternehmensintern genau diese Art Diskussionen anstoßen und im Intranet, in der MAZ oder über entsprechende Events grundsätzliche Fragen stellen dürfen: Wie ehrlich sind wir und können wir sein, was steht Transparenz im Weg und wie können wir helfend, bereinigend eingreifen? Und ja: Wenn die IK ein Schlaglicht auf das sensible Thema wirft, könnte und darf es weh tun. Nur so kann sie gemeinsam mit der Unternehmensführung dafür sorgen, dass „Werte“ oder „Leitbilder“ nicht zu Worthülsen verkommen, angefüllt mit wenig mehr als heißer Luft.

Parallel darf und sollte sie als Coach und Berater der Führungsebene verdeutlichen, welche Gefahren lauern, wenn auf Teufel komm raus bestmögliche KPIs verlangt werden. Um diesen Anspruch zu erfüllen, wird schnell getrickst. – Der perfekte Nährboden für die Wurzel eines nächsten Übels.

Um im Idealfall eine echte, gemeinsam gestaltete und daher belastbare Werte-Entwicklung zu erzielen, machen des weiteren Veranstaltungen wie Management Ted Talks Sinn, wo wie parallel in eigenen Foren – etwa im Social Intranet – Diskussionen stattfinden sollten über Fehlerkultur, Transparenz und realistische Zielerreichung.

Link zu den Ansprüchen der Arbeitsgenerationen:

https://www.unternehmer.de/management-people-skills/169169-generation-y-fragt-warum

Link zum Thema Ehrlichkeit:

https://www.welt.de/gesundheit/article163012488/Ja-jeder-Mensch-luegt-regelmaessig-Aber-warum-nur.html

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